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Wenn der Gatte ins Gefängnis muss

Seit Februar können sich Angehörige von Straftätern online beraten lassen

Werner Schühler berät Angehörige von Inhaftierten seit neuestem auch online. Bild: Günther Purlein

Würzburg. Dienstag und Mittwoch sind für Werner Schühler besondere Tage. Dann kümmert sich der Leiter der Zentralen Beratungsstelle für Strafentlassene der Christophorus-Gesellschaft nicht nur um Ex-Häftlinge, die in seine Beratungsstelle kommen. Parallel beantwortet er Fragen von Menschen, deren Mann, Sohn, Schwester oder Vater im Gefängnis sitzen. Dem Projekt hat sich die Würzburger Straffälligenhilfe am 1. Februar angeschlossen. Deutschlandweit trudeln seither Anliegen von Angehörigen über die Online-Plattform des Caritas-Verbands ein.

 

Da ist zum Beispiel die Frau, die keine Ahnung hatte, dass ihr Freund Drogen nimmt. Noch weniger wusste sie, dass er wegen Drogenbesitzes eine Haftstrafe antreten muss und deshalb polizeilich gesucht wird. Als das Paar kürzlich unterwegs war, stoppte plötzlich die Polizei und nahm den Mann fest. Aus der Mail der Frau ist herauszulesen, wie schockierend dieses Erlebnis für sie war. „Wie soll ich mich jetzt verhalten?“, fragt sie in ihrer Mail. Sie fühlt sich schamlos hinters Licht geführt. Und weiß nicht, ob sie, wenn der Mann aus der Haft entlassen wird, weiterhin mit ihm zusammen sein möchte.

 

In seinem Antwortschreiben signalisierte Werner Schühler Verständnis. Gleichzeitig versuchte er die Frau vor einem Schnellschuss zu bewahren. Sie müsse sich nicht sofort entscheiden, wie es mit ihrer Beziehung weitergehen soll. Wichtig sei jetzt erst einmal, den Schock zu verdauen. Vielleicht ist es in zwei Monaten möglich, eine reflektierte Entscheidung zu treffen.

 

Deutschlandweit kümmern sich rund 50 Profis online um Angehörige von Menschen, denen eine Haftstrafe droht, die im Gefängnis sitzen oder die aus der Haft entlassen wurden. Noch ist die Plattform nicht allzu bekannt: „Deshalb treffen im Durchschnitt erst täglich zwei Anfragen ein“, so Schühler. Manche Fragen sind einfach zu beantworten. So wollte neulich jemand wissen, ob man in einer bestimmten Haftanstalt studieren kann. Werner Schühler recherchierte und erteilte die gewünschte Auskunft.

 

Eine Inhaftierung stellt nicht nur das Leben des Betroffenen auf den Kopf. Auch für die Angehörigen bedeutet dies einen drastischen Einschnitt. Davon berichtet via Mail ein Mann, dessen Schwester festgenommen wurde. Ihre Inhaftierung stellte den Bruder vor große Herausforderungen. So konnte die Wohnung nicht mehr gehalten werden. Der Bruder musste sich um die Räumung kümmern. Zwei Kinder waren von der Inhaftierung betroffen. Schließlich stieß der Bruder auf einen Berg unbezahlter Rechnungen. Die Situation überforderte ihn komplett. Schühler: „Das war ein wirklich außerordentlich komplexer Fall.“ Sehr positiv wirkt sich hier die Vernetzung zur Schuldnerberatung aus, die auch zur Christophorus-Gesellschaft gehört.

 

Wer hinter einer Frage steckt, die per Mail geschickt wird, ist nicht immer klar, denn die Nutzer des Online-Angebots können anonym bleiben. Schühler: „Sie geben lediglich ihre Postleitzahl an.“ Aus dem Beraterpool antworten binnen zweier Tage jene Berater, die gerade eingeteilt sind. Wer einmal geantwortet hat, bleibt allerdings an dem betreffenden Fall dran. Sollte sich zum Beispiel die Frau noch einmal melden, deren Lebensgefährte vor ihren Augen verhaftet wurde, kommt die Mail direkt an Werner Schühler.

 

Das neue Portal nennt sich zwar „Online-Beratung für Angehörige von Straffälligen“, es können sich aber auch Menschen, die von Haft bedroht sind oder aus der Haft entlassen werden, an das Beraterteam wenden. In dieser Situation tauchen ebenfalls eine Menge Fragen auf, mit denen sich die Betroffenen oft alleine fühlen. Nicht zuletzt in Bezug auf ihre Angehörigen. Was kann ich tun, damit die Ehe den langen Haftaufenthalt übersteht? Wie begegne ich in und nach der Haft meinen Kindern?

 

Selbstverständlich dürfen sich auch Kinder an die Experten für Straffälligenhilfe wenden. Sie leiden nicht nur darunter, dass Papa oder Mama nun für lange Zeit weg sind. „Wird bekannt, dass ein Elternteil im Gefängnis sitzt, kann es sein, dass das Kind in der Schule gemobbt wird“, erklärt Schühler. Es braucht Erwachsene, die es in dieser Situation auffangen. Zum Beispiel, so ein Online-Tipp an einen Jungen, den Vertrauenslehrer. Günther Purlein

 

Zur Online-Beratung gelangt man über die Homepage der Christophorus-Gesellschaft: www.christophorus.com à Zentrale Beratungsstelle für Strafentlassene