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Himmlisch geborgen

Studentinnen erarbeiten mit Gästen der Wärmestube Ausstellung zu „Heimat“

Leandra Haag (links außen), Marietta Jakob und Adrian-Ernesto Jiménez führen Paul Lehrieder (2. von links) durch die „Heimat“-Ausstellung in der Wärmestube. Foto: Günther Purlein

Würzburg. Heimat, das ist der Ort, an dem man Wurzeln hat, wo die Familie lebt, wo man seine Freunde trifft. Doch was verstehen Menschen ohne festen Wohnsitz unter dem Begriff „Heimat“? Das fragten sich Leandra Haag und Marietta Jakob von der Würzburger Hochschule für angewandte Wissenschaften. Sie begaben sich in die Wärmestube der Christophorus-Gesellschaft und ließen die Besucher erzählen, was sie mit „Heimat“ verbinden.

 

Leandra Haag und Marietta Jakob wählten an der Würzburger Hochschule eine interessante Fächerkombination: Beide verbinden die Kunst, zu fotografieren, mit soziologischem Forschungsinteresse. In ihrem Semesterprojekt ging es deshalb auch nicht um ästhetisch ausgeklügelte Inszenierungen. Die Kommunikationsdesignstudentinnen sollten sich auf kreative Weise mit einer sozialen Frage befassen. Nach einigem Nachdenken kamen sie auf die Idee, dem Begriff „Heimat“ nachzugehen.

 

„Der ist gerade in aller Munde, zum Beispiel gibt es immer mehr Läden mit regionalen Produkten“, erläutert Haag. Auch aufgrund der Flüchtlingswelle erlebe der Begriff eine Renaissance. Dennoch bleibe “Heimat“ schwer zu fassen. Jeder verbindet damit andere Erwartungen, Sehnsüchte, Hoffnungen.

 

Im Internet schauten die Studentinnen nach, wo man in Würzburg Menschen in schwierigen sozialen Lebenslagen treffen könnte, um mit ihnen über ihre Vorstellungen von „Heimat“ zu sprechen. „Wir stießen sofort auf die Christophorus-Gesellschaft“, schildert Haag. Im Mai besuchten die zwei die Wärmestube zum ersten Mal. Mit den Besuchern über „Heimat“ ins Gespräch zu kommen, stellte sich als überaus einfach heraus. Bei vielen ließ das Wort sofort etwas anklingen. Die Besucher schilderten den beiden Frauen Stationen ihres Lebens, Schicksalsschläge, Zeiten von Heimatverbundenheit und beklemmender Heimatlosigkeit.

 

„Erst wollten wir es bei diesen Gesprächen belassen“, schildert Haag. Doch allmählich entstand die Idee, die Besucher der Wärmestube mit einfachen Kameras auszustatten und sie aufzufordern, das Thema „Heimat“ fotografisch umzusetzen. Die Fotos sollten dann zusammen mit Texten und Zeichnungen in einer Ausstellung präsentiert werden. Diese Idee wurde in wenigen Wochen realisiert. Seit 23. Juni sind die Projektergebnisse in der Wärmestube zu sehen. Außerdem werden sie bei der Semesterausstellung der Fakultät für Gestaltung am 21. Juli von 12 bis 19 Uhr und am 22. Juli von 10 bis 18 Uhr am Sanderheinrichsleitenweg 20 gezeigt.

 

Was die insgesamt 25 Besucherinnen und Besucher der Wärmestube fotografisch eingefangen und geschrieben haben, berührt. „Ein Besucher fotografierte zum Beispiel den Himmel, nichts weiter“, schildert Marietta Jakob. Wo er den Himmel über sich spürt, dort ist für ihn Heimat. Daneben sind klassische Würzburg-Fotos in die Schau integriert, etwa ein Festungstor oder eine Heiligenfigur auf der Alten Mainbrücke. Auch das Klärwerk ist abgebildet. Das stinkt, konstatierte ein Besucher. Genauso stinke ihm Würzburg. Dennoch komme er nicht weg.

 

Schläge in der Kindheit, Drogenkonsum, Brüche in Beziehungen, Einsamkeit, Psychiatrie und Knast prägen die Geschichten vieler Wärmestuben-Besucher. All das spiegelt sich in den Textaussagen, Zeichnungen und Fotos wider. Ein Besucher malte zum Beispiel ein steinernes Häusermeer. Überall leben Menschen alleine vor sich hin. Keiner kennt den anderen. Keiner schenkt dem anderen Geborgenheit. Wer könnte hier Heimat empfinden?

 

„Für unsere Besucher war das Projekt überaus bereichernd“, erklärt Adrian-Ernesto Jiménez vom Leitungsteam der Wärmestube. Beeindruckt zeigten sich auch Paul Lehrieder, CSU-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Fördervereins Wärmestube, sowie sein Stellvertreter Bernhard Christof. Das Projekt zeigt laut Lehrieder, wie wichtig die Wärmestube für Menschen ist, die keine Heimat im klassischen Sinn haben. „Hier ist für sie Heimat“, betonte er. Manch einer spricht gar von der Wärmestube als seiner „Familie“.

 

Die Ausstellung nahm Lehrieder zum Anlass, für Solidarität mit Menschen in prekären Lebenslagen zu plädieren. Männer und Frauen ohne festen Wohnsitz fühlten sich nicht zuletzt deshalb heimatlos, weil sie auf Ablehnung stoßen. Die Ausstellung versucht, eine Brücke zu schlagen, indem sie Betroffene anonym von sich, ihrem Leben und ihrem Lebensgefühl erzählen lässt.

Günther Purlein